Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (7).

Siebente Predigt.

Text: 2. Buch Mose 15,22-26.

Sollen wir nicht lieber unsere Betrachtungen der weitern Reise der Kinder Israel sammt der Reise selbst einstellen, als dieselbe weiter fortsetzen? Ist es doch am Ende und im Grunde betrachtet, ein sehr elendiges Werk und wenig Vergnügen dabei zu holen. Bisher hat’s knapp genug herum gegangen durch allerlei Angst und Noth. Dieselbe hatte am rothen Meer den höchsten Gipfel erreicht, so daß kein Durchkommen zu sein schien. Sie sind glücklich gerettet. Alle ihre Feinde sind ersäuft, kein Einziger ist entronnen, der hätte ansagen können, was aus den Uebrigen geworden. Israel steht da, singt, spielt und tanzt. Damit müßte nun auch die Geschichte am Ende sein und sie am Singen, Spielen und Tanzen bleiben. Kanaan müßte gleich am Meer liegen und ihnen von allen Seiten die Granatäpfel, Trauben und Feigen entgegen winken. Dann ließe ich’s noch gelten. Aber was ist’s nun? Israel steht da und singt und spielt. Ihr hüpfet in fröhlichen Reigen. Wie Blei sind eure Widersacher im Wasser versunken. Allein was thue ich mit dem Allen. Die Unwissenheit hat einen großen Antheil an eurer Freude, und wenn ihr wüßtet, was wir wissen und was ihr auch selber nur zu früh erfahren werdet, ihr gebehrdetet euch so fröhlich nicht, ihr dämpftet eure Trommeln und Pauken wohl und ließet den Reigen anstehen, der auch nicht dazu gehört. Ihr scheint doch die Kosten nicht zu überschlagen. Ihr habt noch einen sehr weiten und wunderlichen Weg vor euch und scheint zu glauben, nur noch ein paar Schritte bis Kanaan zu haben oder schon drinnen zu sein. Es ist ein Pöbelvolk mit euch an’s Land getreten, das noch manches Getümmel anregen und euch manche scharfe Züchtigung zuziehen wird, weil ihr euch von demselben verleiten laßt, egyptisches Gesindel, was eigentlich nicht zu euch gehört, das ihr aber so mitziehen laßt. Und daran thut ihr sehr übel. Eure Reise geht nach Sinai, und wer je in der Gegend gewesen, (und sind nicht unser mehrere schon da gewesen?) die wissen, wie übel es da hergeht. Euer Werk hebt erst an, da ihr es schon für beendigt anseht. – Es ist also nicht viel Vergnügen in der weitern Reise zu holen und in der Betrachtung derselben auch nicht. Sollen wir denn nicht diese einstellen und uns nicht weiter darum bekümmern? Geht es doch aus einer Noth in eine andere, was ja am Ende verdrießlich zu hören fällt, will geschweigen, zu erleiden? – Da sind wir nun wohl durch’s rothe Meer und haben mit den Egyptern nichts mehr zu thun. Aber was ist’s nun mehr? Nun müssen wir drei Tagereisen in der Wüste machen. Und was ist das für eine Wüste? Ihr Name Etham zeigts an. Das Wort hat allerlei Bedeutungen, wie ihr euch noch erinnert, als aufrichtig, vollkommen, die Pflugschaar. Es heißt aber auch Kiesgrund. Wie übel geht sich aber auf solchem Boden. Jeder Tritt hat sein Beschwer, und je länger man darauf wandelt, desto mühseliger wird es. Und darauf sollen wir drei Tage wandeln, zwar nicht länger, aber auch nicht kürzer. Statt der Egypter stellt sich ein zwar nicht so scheinbarer, aber doch nicht weniger gefährlicher Feind ein, nämlich der Durst. Die Wüste ist wasserleer und das drei Tagereisen im Umkreise. Sind sie denn nur deßwegen dem Schwert der Egypter entronnen, um einem noch fürchterlicheren anheimzufallen? Denn was kann schrecklicher sein, als zu verdursten? Das rothe Meer hat wohl Wasser genug, aber kein trinkbares, kein Durst löschendes, sondern erregendes Wasser, das ihrer gleichsam in ihrem Durste noch obendrein spottet. Endlich kommen sie nach Mara, d.h., bitter, da finden sie Wasser. Wie sie darüber werden hergefallen sein, um sich nun einmal satt zu trinken. Aber siehe, es ist bitter und eben so untrinkbar als das Meerwasser. Wie ist es doch möglich, möchte man sagen. Ist es denn nun gar auf’s Quälen und Necken angelegt? Oder was soll das bedeuten? Die armen Leute werden mürrisch gegen Mose und fragen ihn drohend: was sollen wir trinken? Er hat ja so wenig zu trinken wie ihr. Wie murret ihr denn wider ihn? Hat er sich denn aus eigenem Antriebe an eure Spitze gestellt und Gott nicht vielmehr Mühe genug gehabt, ihn dazu zu bewegen? Habt ihr so wenig Verstand an dem großen Wunder eures Durchgangs erlernt, daß ihr jetzt thut, als wäre kein Gott? Es heißt wohl von euch 2. Buch Mose 14,31.: ihr hättet an Gott und seinen Knecht Mose geglaubt, als ihr glücklich am diesseitgen Ufer angelangt waret. Aber wie lange hielt dieser Glaube Stand? Keine drei Tage! Heißt das beharren? heißt das treu sein? heißt das aus Glauben in Glauben gehen? So große Wunder erlebt und nicht einmal so viel daraus erlernt haben, um Gott zuzutrauen, er werde euch nicht durchgeführt haben, um euch verdursten zu lassen? Das ist ja sehr erbärmlich und schimpflich. Seid ihr dieselbigen, die dort so singen und pauken? Habt ihr da vielleicht auch gesungen: Nimmermehr werde ich danieder liegen? – gesagt: Mit Gott wollen wir Thaten thun, - nie wollen wir wieder zweifeln, und wenn es noch so kraus durch einander ginge? So sei denn alles schnöde Zagen auf ewig in die Flucht gesandt. Doch freilich, so lange zu dursten, und dann wohl Wasser, aber bitteres Wasser? Das ist ja seltsam. Nun, das Wasser wird süß und trinkbar. Von da geht’s nun zwei Meilen weiter nach Elim, da finden sie 12 schöne Wasserbrunnen und 70 Palmbäume. Nun wird’s denn immer so prächtig fortgehen, daß es eine wahre Lust ist, zu erfahren, wie sich alles so herrlich macht. Ja, ich meine es. Sie müssen von da weg. Und hatten sie vor etlichen Tagen mit dem Durst zu kämpfen gehabt, so waren sie nun in Gefahr, von einem nicht weniger fürchterlichen Feinde aufgerieben zu werden, und das war der Hunger. Der aus Egypten mitgenommene Proviant war aufgezehrt und kein Mittel vorhanden, sich neuen anzuschaffen. Neues Murren, neuer Unglaube, neue Hülfe. Und so geht das fort.

Habt ihr denn gleich geschienen, die Reisebetrachtungen nicht ungern zu hören und haben Manche zur Fortsetzung derselben ermuntert, so werdet ihr derselben doch bei so bewandten Umständen müde und überdrüssig sein, was man euch nicht übel nehmen darf. Dem sei aber wie ihm wolle, so liegt doch in dem Allen eine genaue göttliche Regierung zum Grunde, und ein wichtiger, weisheitsvoller Zweck. Ich denke also, wir fahren wenigstens heute noch in unsern einmal begonnenen Betrachtungen fort.

Sie zogen also in der Wüste Etham fort. Erstlich die Aufrichtigkeit des Herzens wohnt den Christen stets bei und geht wie eine gerade Linie durch ihr ganzes Leben und die mancherlei Abwechselungen desselben. Im Grunde des Herzens ist stets ein ernstlicher Widerwille und Gegensatz gegen alles Sündliche, so wie eine Neigung zu Gott und allem Guten, ein Trauern, ein Dursten nach Gott und seiner Gemeinschaft, und ein Bestreiten desjenigen, was daran hindert. Dies findet sich bei allen wahren Christen und dies ist gleichsam ihre Seele. Wo dies aber nicht ist, da ist auch keine Gottseligkeit. Zwar kann dies wohl eine Zeitlang niedergehalten werden; es kommt aber doch immer wieder empor; es kann einer Seele verdeckt werden, offenbart sich aber immer wieder. Etham heißt auch ein Kiesgrund, wo eine Menge kleiner Kieselsteine über und neben einander liegt, so daß es dem Wanderer schwer wird, fortzukommen. Ich denke, dies ist ein nicht unpassendes Bild von dem menschlichen Leben und seinen Beschwerlichkeiten überhaupt. Moses hat wohl nicht Unrecht, wenn er sagt, das Köstliche desselben sei Mühe und Arbeit. Wer die übernehmen kann, hat’s nicht nur am beßten stehen, weil es ein Beweis von Gesundheit ist und ihm die Arbeit und Beschäftigung selbst ein Vergnügen gewährt, sondern im Grunde betrachtet, ist auch selbst das Köstlichste auf Erden voll Mühe und Eitelkeit. Sammelt Jemand irdische Güter, er weiß nicht, wer sie kriegen wird, weiß nicht, ob seine Erben sie so verwalten werden, wie er’s wünscht, und muß sie ihnen oft eher überlassen, als er’s gerne thut, oder besorgen, sie einzubüßen, oder Habsucht und Geiz machen ihn gar arm mitten im Reichthum. Lebt jemand in einer vergnügten Verbindung, umgeben von liebenswürdigen Kindern, so weiß er nicht, ob der unerbittliche Tod nicht die zärtlichsten Bande mit rauher Hand zerreißt, ehe er’s vermuthet, weiß nicht, was aus seinen Kindern noch werden kann, mit denen die Sorgen wachsen, und die ihm eben so viel Kummer machen können, als er früher Freude an ihnen gehabt. Baut Jemand Häuser, legt Jemand Gärten an, er weiß nicht, wer sie noch benutzen wird. Bald ist’s ja dies, was Jemand drückt, bald was anders, so daß Salomo endlich ausruft: es ist alles ganz eitel. Und ginge auch alles nach Wunsch, so ist’s doch nur eine kurze Zeit, daß man’s besitzt und eh’ man’s denkt, hat man ein Alter erreicht, das uns daran mahnt, es gehe wacker auf’s Ende zu. Und was das Bedenklichste ist, man begeht indessen allerhand Sünden mit Gedanken, Worten und Werken, und zieht sich dadurch eine höchst wichtige Verantwortlichkeit zu, muß sich zu einer Rechenschaft anschicken, welche die allerbedeutendsten Folgen hat, und zu welcher ein Jeder jeglichen Augenblick gerufen werden kann. Diese Betrachtungen bewogen Salomo in seinem Predigerbuche, die Todten für glücklicher zu achten als die Lebendigen, und den, der gar nicht ist, als sie alle beide, weil er des Bösen nicht inne wird, was unter der Sonne geschieht. Das ist blos nach der Vernunft geredet. Nach dem Geist aber sagt er: ein vergnügtes Herz, diese Gabe Gottes, sei das edelste Kleinod, denn es denke nicht viel an das elende Leben. Der Christ wandelt auch mehrentheils auf einem Kiesboden. Er hat seine eigenthümliche Leiden und andere hat er mit allen Christen gemein. Wir singen davon: Man wandelt nicht auf weichen Rosen. Die Verläugnung seiner selbst, das Kreuzigen des Fleisches sammt allen Lüsten und Begierden, die tägliche Aufnahme seines Kreuzes, der Kampf des Fleisches wider den Geist, die zu erduldende Züchtigungen, die Regungen des alten Menschen und was man sonst nach seiner Persönlichkeit und Verhältnissen zu leiden hat, bilden den Kiesboden, worauf man auch wohl seine 3 Tagreisen machen muß.

Aber welch ein wichtiger Mangel stellte sich bei den Kindern Israel bald nach ihrem Durchgang durch’s rothe Meer ein! Kaum waren sie ihrer Rettung froh geworden, so stellte sich eine eben so große Noth ein, als Pharao nur immer hätte über sie bringen können. Aengstete sie so eben die Menge des Wassers, so thut es nun der gänzliche Mangel an demselben, - besorgten sie vorhin zu ersäufen, so besorgten sie jetzt zu verdursten. Freilich, sie hätten denken sollen, der Gott, der uns aus dem Wasser erlöset hat, wird uns auch aus der Dürre erretten. Aber dann setzen wir etwas bei ihnen voraus, was sie für die Zeit nicht hatten, Glauben. Hiobs Freunde hatten gut sagen: der dich aus sechs Trübsalen errettet hat, wird dich in der siebenten nicht stecken lassen; denn sie steckten in keiner. Hiob mochte aber auch wohl zu ihnen sagen: wollte Gott, ihr wäret an meiner statt, ich wollte euch auch trösten mit Worten. Vielleicht meint mancher, er würde es in diesen, jenen Umständen besser machen, wie derjenige, der wirklich drin steckt. Allein es käme auf die Probe an. Es ist freilich ein sehr jämmerliches Ding, daß wir in der ganzen Reisegeschichte der Kinder Israel, meines Wissens, kein einziges Exempel finden, Mose ausgenommen, daß sie mitten in der Noth fest im Glauben standen und getrost eine Hülfe erwarteten, die sie nicht sahen. Es ist ein sehr jämmerliches Ding, daß solcher Exempel überhaupt so wenig vorkommen, jedoch kommen ihrer vor. Abraham glaubt, er werde noch von seiner 90jährigen Frau einen Sohn haben; dennoch besorgte er nachher, man möchte ihn um derselben willen tödten, da er doch den verheißenen Sohn noch nicht hatte, und um sich zu schützen, log er zwar nicht, sagte aber auch nicht die Wahrheit. Wo war nun sein Vertrauen zu dem Worte: ich bin dir Schild? Bei der Aufopferung dieses Sohnes aber, bewieß er eine Majestät des Glaubens, die durch nichts übertroffen wird. – Josaphat bewieß auch einen herrlichen Glauben in einer großen Noth und zog im Glauben, des Sieges im Voraus gewiß, nicht mit Waffen, sondern mit Singen und Jauchzen, dem ihm unendlich überlegenen Feinde entgegen, der auch geschlagen wurde. Sonst sind nur Exempel der Zaghaftigkeit und des Unglaubens nur gar zu viel und beweisen, wie es um den Glauben gewiß keine leichte Sache sei.

Es ist doch aber in der That zu verwundern, wie der Herr sein Volk sobald wieder in eine neue Noth gerathen ließ und das in eine so große. Es scheint, er wollte sie gewöhnen, ohne ihn keinen Schritt zu thun, so wie auch mit ihm nirgends zu verzagen. Nie sollten sie meinen, nun sei alle Noth für immer beseitigt, aber auch überzeugt sein, es gebe keine einzige, aus welcher der Herr nicht retten könne, wolle und werde. Und aus diesem allen sollte sich ein Leben in einer gänzlichen Abhänglichkeit von Gott und Uebergabe an ihn, entwickeln, so wie ein wunderbares Vertrauen zu ihm, welches ja lauter wesentliche Stücke der Gottseligkeit sind. Jeremias setzt es als etwas ausgemachtes fest: Gott plage die Menschen nicht von Herzen, nicht, um sie zu plagen, sondern ihnen zu nützen. Man soll ihn also machen lassen, sich beugen und der Hoffnung warten. Wirklich, wirklich muß bei uns Mangel entstehen, wie bei Israel, damit unser Vertrauen zu uns selbst vergehe; damit wir gründlich gewahr werden, wie sehr wir seiner bedürfen, und damit wir auf ihn, seine Macht und Treue hoffen lernen. Wir dürfen es uns gar nicht befremden lassen, wenn es bei uns, wie bei Israel, meistens knapp herumgeht und wir uns gedrungen sehen, Christo anzukleben, wie eine Klette am Kleide, damit uns von Stunde zu Stunde dargereicht werde, was wir zum Leben und göttlichen Wandel bedürfen. Uebrigens gingen außer Mose und einigen andern, nicht alle Kinder Israel durch alle diese Gedränge, da der eine hier, der andere dort starb, und nicht alle Gläubigen werden auf gleiche Weise oder Maße in Leiden geübt, wiewohl der Becher stets herumgeht und jeder seinen Zug daraus thun muß.

Die Kinder Israel mögen die drei Tage hindurch genug von Durst in dem heißen Lande gelitten haben. Ohne Zweifel haben sie auch Versuche gemacht, ob sie nicht durch Nachgraben Wasser fänden. Aber vergeblich. Sie mußten erkennen, daß auch das Wasser eine theure Gabe Gottes sei, und daß unsere Bemühungen an sich umsonst sind. So arbeiteten die Jünger auch eine ganze Nacht mit Fischen und fingen nichts, bis sie auf Befehl des Herrn das Netz rechts auswarfen und eine große Menge beschlossen. Ach! was muß uns nicht alles gegeben werden, und mit vieler Wahrheit singen wir: Gutes denken, Gutes dichten, mußt du selbst in uns verrichten. Wie oft dienen unsere eigenen Bemühungen hauptsächlich nur dazu, uns von ihrer Unzulänglichkeit zu überführen.

Sie wandten sich an Mose mit der Frage: was sollen wir trinken? Das war recht gehandelt; denn Moses war der Mittler des alten Bundes und Israel mußte des Herrn Hülfe durch seine Hand erwarten. An ihn hatten sie sich zu wenden, so wie wir an den Mittler des neuen Bundes, Jesum Christum, durch welchen alle Segnungen von Gott auf uns herabfließen müssen. Und wie viel geschickter ist er, als Moses es war und sein konnte, allen unsern Bedürfnissen abzuhelfen, mögen sie auch noch so groß und dringend sein, wir selbst auch so wenig Rath wissen, als Israel in der Wüste Etham.

Endlich fanden sie Wasser. Was konnte ihnen lieber sein? Noch nie war ihnen Wasser so lieb gewesen, wie jetzt, da sie’s so lange hatten entbehren müssen. Wie begierig werden sie darüber hergefallen sein, um sich nun recht satt zu trinken. Und sieh, es war ganz und gar bitter. Alles schrie: Mara, Mara, bitter, bitter. Zugleich aber wurden sie selbst bitter gegen Mose und sagten murrend: Was sollen wir trinken? Wie ungerecht! Hatte denn Mose was anders, wie sie? So ist der sündige Mensch. Er will haben, es soll nach seinem Wunsch und Willen gehen. Thut’s das nicht, so murret er. Er sollte sich beugen unter Gottes Willen. Er sollte sich demüthigen. Er sollte erkennen, daß er wegen seiner Sünde gar kein Recht an die geringste der göttlichen Gaben hat. Dagegen aber wird er mürrisch und aufgebracht gegen Gott und gegen Menschen. Nun regnet’s, dann trocknet’s uns zu lange. Jetzt sind die Erndten zu ergiebig, dann zu sparsam, und was wir nicht alles zu tadeln und auszusetzen haben und wohl verlangen, Gott solle alles nach unserm Sinn einrichten, ohne es ihm sonderlich Dank zu wissen. Wo ist da das Absagen des eigenen Willens? Wo gehorcht man seinem allein guten Willen ohne alles Widerstreben? ja, wo sucht man nur diese Gesinnung?

Geht’s aber den Menschen nicht noch oft so im Natürlichen und Geistlichen, wie den Kindern Israel in Mara? Mancher meint, wenn er erst aus dieser Sache herauswäre, wenn er erst das erlangt hätte, wenn die Verhältnisse erst anders wären, meint, wenn er etwa ein hinreichendes Verdienst oder seine Kinder versorgt hätte u. dergl. m.; dann würde er sich nichts mehr wünschen und ganz vergnügt sein. Macht’s sich so nicht, so hält er sich für sehr berechtigt zu klagen; macht’s sich so, so findet sich wieder was anders, das sein Wasser verbittert. Warum aber? Weil der Mensch lernen soll, sein Glück in Gott und dessen Willen, nicht aber außer demselben zu suchen. Werde selbst anders, mögen dann auch deine Verhältnisse, dein Kreuz das Nämliche bleiben, so wirst du sehr gewinnen.

Im Geistlichen findet’s sich auch so. Da wollen Seelen manchmal alle Sündenerkenntniß, alle Reue, Zerknirschung und Versicherung, sammt der Heiligung, auf einmal haben und das Reich Gottes wie im Sturm erobern. Aber sie müssen zurückstehen und harren. Sie versprechen sich eine ungemeine Erbauung und gehen leer aus, während andere gelabt und gesättigt werden. Sie empfangen einen kräftigen Trost, eine süße Versicherung, daß sie sind, wie im Himmel, und sich vornehmen, sich dies nun auch nicht wieder rauben zu lassen, und mit einmal wird’s wieder anders, vom rothen Meer in die Wüste. Und ach! giebt’s nicht Zustände, wo der Seele selbst dasjenige bitter wird, was ihr doch Trost und Erquickung gewähren könnte und sonst wirklich gewähret hat, als Hören, Lesen, Betrachten, Unterredungen, Abendmahl, das Gebet, die Erinnerung an das ehemals genossene Licht und Trost! wie Hiob zu Gott sagt: Du schreibest bittere Dinge gegen mich und bist mir verwandelt in einen Grausamen. Drei Tage reisen die Kinder Israel, ohne sich zu lagern und auch da geht’s ihnen so? - -

Wozu denn das wohl? Ohne Zweifel, den Menschen auch in der Verläugnung seines liebsten Willens zu üben, damit er lerne, alles ganz und gar in den Willen Gottes zu stellen, er mag geben oder nehmen, er mag uns mit Kreuz oder Trost heimsuchen, uns in der Dürre lassen oder erquicken, - uns darin zu üben, daß wir keine Sache, sie mag auch so gut sein wie sie will, allzu lebhaft begehren, sondern in Unterwürfigkeit unter Gott mit stillem und sanftem Geiste, welcher köstlich vor ihm ist. In der Freude der Kinder Israel am rothen Meer hatte sich ohne Zweifel manches Sinnliche mit hineingemischt und sie war übertrieben,. So kam denn jetzt ein Dämpfer drauf. Maria stürzte mit dem Ausruf: Rabbuni! zu Jesu Füßen, und wollte sie umarmen oder küssen. Er aber dämpfte ihre Empfindungen, indem er sagte: rühre mich nicht an, sondern gehe hin. David sagt Psalm 131: meine Seele ist wie ein gespent Kind. Zwar ist es einem Kinde sehr betrügend, wenn es von der Mutterbrust, die sonst alle seine Lust war, entwöhnt wird, aber wenn es entwöhnt ist, so vergißt es sie und nimmt andere Speisen. Kurz, es ist auf eine gänzliche und unbedingte Verläugnung alles eigenen Willens abgesehen, und jemehr sie zu Stande kommt, desto gelaßener ist man. Brauch mich als ein Faß deiner Ehren, wozu, wie, wenn und wo du willst.

Mara bildet aber auch überhaupt alles Bittere ab, wofür der Herr ein Mittel weiß, es zu versüßen, angenehm und nützlich zu machen. Er zeigte dem Moses einen Baum, welchen er abhieb und in’s Wasser warf, dadurch wurde es genießbar. Der bittern Wasser giebt es in der Gegend des rothen Meeres, wie Reisende bezeugen, noch immer viele, es ist aber kein Mittel und namentlich kein Holz bekannt, was diese bittern Wasser trinkbar machte. Wir können also nicht sagen, ob der Baum die natürliche Kraft, zu versüßen, hatte und dieselbe noch immer beweisen würde, wenn man ihn nur kennte, oder ob Gott hier ein verstecktes Wunder that. Genug aber, im Evangelium wird uns ein Baum angewiesen, welcher alles Bittere süß macht. Dieser Baum ist das Kreuz Jesu Christi, dies Wunderholz, welches der Welt das Leben gibt und an welchem das größte, heilbringendste Wunder geschehen ist, das auch seine, unser Bitteres versüßende Kraft, stets in gleichem Maße behält. An diesem Kreuz ist unsere Versöhnung gestiftet und dadurch die Bitterkeit des Zornes Gottes versüßet; an demselben ist der Fluch des Gesetzes getragen und weggenommen, und der süße und alles versüßende Segen erworben; die Handschrift unserer Sünden ist daran genagelt und diese Bitterkeit weggeschafft und aus dem Mittel gethan und uns dagegen die Rechtfertigung des Lebens erworben. – Sogar ist der Tod getödtet worden. Sein Stachel ist ihm genommen, und indem er über die Gläubigen ergeht, muß er ihnen nur als ein Mittel dienen, sie von allen Bitterkeiten zu befreien und sie zu aller Süßigkeit überzuführen; durch dieses große Wunder ist das bittere Meer unserer Sünden und der damit verdienten Strafen versüßt worden, daß es uns nicht schaden kann, so wir anders glauben an den Sohn Gottes.

Hier ist aber auch das Mittel, alle Bitterkeiten zu versüßen. Da ist die Bitterkeit der Buße, die dadurch versüßt wird, daß sie, als eine Traurigkeit nach Gott, wirket eine Reue zur Seligkeit, welche niemand gereuet. Da ist die Bitterkeit der Welt- und Selbstverläugnung, welche dadurch versüßt wird, daß, wer etwas um seinetwillen verläugnet, es hundertfältig wieder erhält. Da ist die Bitterkeit des geistlichen Streites, die dadurch gemildert wird, daß es ein guter Kampf des Glaubens ist, dem der Sieg und die Krone der Ehren gewiß ist. Da ist die Bitterkeit von allerlei Leiden, die aber nicht werth sind der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbaret werden; von allerlei Anfechtungen, von welchen es heißt: selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Kurz, dieser Wunderbaum kann alles Leid versüßen, was sonst wohl unerträglich wäre.

Freilich aber ist’s nöthig, daß er uns vom heiligen Geist gezeigt und verklärt werde, weil es uns sonst wohl gehen könnte, wie den Jüngern auf dem Meer. Denn als sie Noth litten von Wind und Wellen, und ihnen nun Jesus auf dem Meer erschien, schrien sie gar vor Furcht, meinend, es sei ein Gespenst und nun gar alles mit ihnen aus, bis der Herr ihnen gebot und sprach: Ich bin’s, fürchtet euch nicht.

Nun, so geht’s her auf dem Wege nach Canaan. Wer will mit? Wir lassen uns nicht abschrecken, mag’s auch drei Tagereisen durch die Wüste nach Mara gehen. Gott wird machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist. Folgt doch ein Elim drauf. Mag’s denn auch nach Sinai und es kreuz und quer gehen. Wir reisen. Wer will mit? Bringt’s Ein Tag doch wieder ein. Zeuch uns dir nach, so laufen wir. Amen.

’’Quelle: Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan. In Beziehung auf die innern Führungen der Gläubigen, beleuchtet in einer Reihe von Frühpredigten von G. D. Krummacher, reformirtem Prediger in Elberfeld. Zweites Heft. Zweite Auflage. Elberfeld, bei Wilhelm Hassel. 1836.’’